Burst

Ich habe mich verliebt – schon vor langer Zeit.

Es war Anfangs der 90er Jahre. Schon mit unseren ersten Gleitschirmen wie Ailes de K – Brizair oder Genair, die Paratech P20 oder P21 oder den Nova Trend, sind wir hier stundenlang gesoart. Sind immer wieder Topgelandet und wieder gestartet – am Burst, diesem unscheinbaren Start und Toplandeplatz. Oftmals waren wir in größeren Gruppen da, mit Familien und Picknick. Einfach eine tolle Gemeinschaft, die zusammen ihr liebstes Hobby genoss.

Nun, es ist schon seit längerer Zeit deutlich individueller geworden, das Fliegen. Auch der Burst hat sich etwas gewandelt. Die Bäume Richtung Restaurant Älpli sind deutlich gewachsen. Jetzt unterhalb dem Hof zu starten, frontal in die Bise – das geht nicht mehr. Aber ein paar Meter oberhalb dem Hof funktioniert das Starten problemlos. Was geblieben ist in all diese Jahren, der Burst gewährt mir immer wieder tolle Flüge. Und das in jeder Jahreszeit und auch in jeder Tageszeit. Zumindest wenn die Bise hier im obersten Toggenburg auch tatsächlich von Osten kommt. Oftmals reicht es aber schon, wenn am Morgen der Wind aus dem Rheintal über Wildhaus schwappt und hier am Prallhang Burst zum Aufwind wird.

Ich bin nicht der begeisterte Thermikflieger. Es langweilt mich eher, einfach im Blauen aufzudrehen und anschliessend unter dem grauen oder weissen Deckel fortzugleiten. Aber ich liebe es, mit dem Gelände zu «spielen». Mit minimalen Abstand den Geländekonturen entlang segeln und überall das Steigen mitnehmen und so mehr oder weniger kontinuierlich an den Felswänden hoch zu «klettern». Und genau das funktioniert am Burst oft gut. Nach dem Start den Lauiberg oder Chüebodenberg überhöhen, und wenn die Thermik hier nicht klar durchzieht, lieber gleich nach Hinten, mich Richtung Lütispitz oder Säntis versetzten lassen. Hier im Gebiet Fahrenboden/Schafwis oder im Gebiet Trossen/Alp Schrenit komme ich fast immer hoch.

Ähnlich war es am 23. April. Am Nachmittag ist der Wind «eingeschlafen». Gerade als ich mich Startklar mache. Blöd! In einer schwachen Thermikablösung starte ich trotzdem und bin kurz darauf deutlich unter Startplatz-Niveau, also dem Restaurant Älpli schon gefährlich nahe. Nach einer 1/4 Stunde habe ich endlich den Startplatz zurück «erobert», und bald darauf etwa 150m überhöht. Jetzt also gleich weg aus dieser stabilen Masse und direkt nach Hinten, ran ans Gelände. Bei Trossen finde ich nichts, also tief weiter gleiten. Endlich feine Heber unterhalb Schrenit. Meter um Meter achtere ich mich hoch und sehe nun die Alp Schrenit. Jetzt bin ich mir sicher, dass es bestimmt gut weiter hinauf gehen wird. An der grossen Mittagwand zieht es immer besser, schlussendlich bin ich auf einmal über den Stoss und gleich darauf 400 Meter darüber. Heute die grosse Überraschung. Kein Wind in der Höhe! Habe ich sehr selten erlebt hier. Ab hier beginnt mein heutiger «Wellness» – Flug. Zuerst mal zum Säntis. Ganz ruhig, ohne Wind und ohne Lee. Mit der Zeit komme ich auf 2600müM. Wow! Gewaltiges Panorama, keine Wolken und tolle Fernsicht. Bodensee,  Zürichsee, Alpstein, Churfirsten, Rheintal… Welch ein Genuss, bei gleichzeitig so ruhigen Verhältnissen. Nach einer Schleife via Rotsteinpass zum Schafberg. Über dessen Spitze nun auf 2800müM! Jetzt quer rüber zum Stoss und weiter mit dieser tollen Höhe zum Neuenalpspitz. Ich quere zum Selun und verliere viel Höhe, komme mit gerade mal 100m über Strichboden an. Jetzt packt mich mein Spieltrieb wieder. In der Abendsonne möchte ich nun probieren, an der Westflanke zum Selun hochzusteigen. Jetzt, ganz unten an diesem langen Rücken, mit 5 – 20 Meter Geländeabstand doch recht wagemutig. Hey, es geht tatsächlich irgendwie. In 20min. den Gipfel erreicht, dabei hatte ich nie über 50M Abstand zum Gelände. Mehr geht leider nicht – heute Abend an den Churfirsten. Seelenruhig gleite ich knapp unter allen weiteren Spitzen vorbei. Erst an der Chäserrugg Westflanke geht es wieder etwas darüber. Ich gleite weiter, via Gamserrugg mitten über diese flachen, lichten Wälder vom Gebiet Galfenbühl-Neuenalp-Mazilis bis ich den Voralpsee sehe. Heute ist es absolut ruhig hier. Ich mag dieses Gebiet. Vor allem bei Bise kann man abends, vom Rheintal-Grabserberg her kommend, oftmals in ruhiger, grosserflächiger Thermik gut ins Toggenburg reinfliegen. Heute Abend fliege ich nun eine weite Schlaufe über die Schwendiseen nach Sellamatt zum Mittagberg. Dabei glänzt die Thur wunderschön silbrig im satten Talgrund. Jetzt im tiefen Schatten an der Scharte nochmals konstantes leichtes Steigen. Danach Abdrehen zur Sonnenseite über Hummersboden und Landen vor meiner Wohnung in Alt St. Johann.

Herrlich, über 3h an der frischen Luft gewesen, Dabei etwa die halbe Zeit konstant zwischen 2400 – 2800 müM. Ein Ausnahmetag heute. Zumal es sich angefühlt hat wie ein gemütlicher Panorama-Spaziergang.

Wie anfangs erwähnt, ich liebe den Burst. 💚 Und ich denke er mag mich auch.

Remy Moser

[Anmerkung vom webmaster] Eine lässige und schon fast poetische Lieberserklärung von Remy, nicht wahr! Wie schön! Erlebe nun seinen Flug noch in Bildern….

vom Stoss Richtung Altmann und Schafberg – hinten das Rheintal
Im Vordergrund der Stoss
Beim Säntis
Ueber dem Schafberg . Blick ins Rheintal, Vorarlberg und das FL
Ueber dem Schafberg – Blick zum Burst
Blick bis zum Zürisee
Blick auf die Churfirsten
Entlang dem Frümsel
Ueber Sellamatt mit Alt St. Johann – bald zu Hause 🙂
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